Suche
  • Isabell

Vieles ist zu zart, um erklärt zu werden...

Über Zerbrochenheit, Verletzungen und Mut. (Nach)Erzählt.




"Ich war zerbrochen, und um den Schmerz dieser Zerbrochenheit zu betäuben, aß ich und aß und aß." R. Gay

"Wenn ich mich festlegen müsste, an welchem Punkt ich wirklich anfing zu trinken... Begonnen hat es [...], als ich nur das eine wollte: in meinem eigenen Leben nicht anwesend sein." L. Jamison

"Diese unhaltbare Anspannung in mir, ließ mich damals die eigene Grenze überschreiten. Entweder durch Hungern um mich zu spüren oder in mich hinein essen und danach raus kotzen, was ich sonst nicht ausdrücken hätte können mit Worten." I.

Drei Frauen. Drei Geschichten. Und sie alle teilen vieles gemeinsam: Die Zerbrochenheit. Wunden davon. Verletzungen davor. Und: Sehnsüchte im Jetzt. Roxane Gay schreibt in ihrem Buch "Hunger. Die Geschichte meines Körpers" über ihr Vorher und Nachher. Über Selbsthass und warum es undenkbar war über das was "passiert" war zu sprechen. "Ich wünschte, ich hätte gewusst, dass es nicht mein Fehler war, so verletzt zu werden." schreibt sie eindrucksvoll und steht zu ihrer Geschichte. Roxane wurde als Kind von ein paar Jahre älteren Buben vergewaltigt. "Ich lebe mit dem, was passiert ist, ich gehe meinen Weg." so die heute 45jährige US-amerikanische Autorin. Leslie Jamison stellt sich in "Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichte der Genesung." ihrer Sucht: der zum Alkohol. Die junge Schriftstellerin verklärt dabei den Alkohol ihrer Vorbilder Jack London, Ernest Hemingway oder John Berryman. Berryman erwähnt sie mit seiner operativen Logik: "Leid versprach Inspiration, und Alkohol versprach Erlösung vom Leid. Alkohol war eine Möglichkeit, die Macht des Leidens auszuhalten.". Worte die nachwirken, nachklingen. In einem Interview mit der ZEIT wird Leslie Jamison gefragt, was sie denn so am Alkohol fasziniert hat. Sie antwortet "Dass es sich als so einfach herausstellte, eine strahlende Version von mir selbst zu sein." Sie schildert aus ihrer Kindheit, aufgewachsen mit einem Vater und zwei Brüdern, dass eine Furcht in ihr war, nicht zu genügen oder "zumindest dass ich mir die Aufmerksamkeit von mir nahen Menschen verdienen musste". Heute bestellt die 36jährige anstelle eines Dirty Martini einen Johannisbeersaft und schreibt Bücher:


"Ein Schmerz, den man betäuben oder dem man eine Stimme geben konnte.

Das Trinken und das Schreiben waren zwei unterschiedliche Antworten auf eine und denselben feuerflüssigen Schmerz."


Die damals 17jährige I., steckte sich den Finger in den Hals - um alles raus zu lassen, was eigentlich nicht in ihr sein wollte. Ungewollte hat sie zuvor Essen in sich hinein gestopft- ohne Genuss aber mit einer Wucht von unstillbaren Hunger. Hunger nach Liebe. Hatte sie sich unter Kontrolle, hungerte sie. Warum sie ihren Körper das antat? Weil der Hunger sie spürbar machte und sie gefallen wollte. Und warum sie trotzdem nicht aß? Worte in Kafkas Hungerkünstler versuchen es zu beschreiben "Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle." Der Hunger war nicht rein physischer Natur.

Ein viel tiefer liegendes Bedürfnis wollte gestillt werden: Liebe.

Und ein anderes wollte sie kaschieren: Den Missbrauch. Und daraus die Scham. Die Fassade eines ihr scheinenden perfekten Körpers, schuf eine Fassade, für die sie sich nicht schämte, die ihr das Gefühl von Sicherheit und Glanz gab. Strahlen mit weniger als 50kg. Den Fehler, den Roxane Gay gut beschreibt mit "bei sich zu suchen", zu vertuschen. Bis Anfang zwanzig die innerliche Bombe explodierte und sich ihr Körper meldete "Hallo, ich bin auch noch da. Ich habe Hunger." Ein langer Weg begann, des Wieder-gut-machens, des Sich-nähren und Jahre danach immer noch am Weg zu gesunden. Ganzheitlich. Nicht nur ihre selbst zugeführen Verletzungen, sondern die viel tiefer gehenden aus der Zeit davor.

Dass wir alle am Weg sind, nie und wohl auch zum Glück, werden wir perfekt, was nicht heißen soll, dass wir es für uns selbst nicht besser machen können, wenn es nicht gut war. Wir können es und dürfen es: Wohltuender, nährender und gesünder mit uns umgehen.

Sich nicht zu erklären glauben zu müssen- sondern geschützt erzählen dürfen. Denn manche Wunden sind tief, dass sie Zeit brauchen um darüber zu sprechen. Gras wächst bekanntlich nicht schneller, wenn man daran zieht- so ein afrikanisches Sprichwort. Und Wunden heilen nicht schneller, wenn man in sie hinein gräbt und womöglich noch Schminke drauf gibt.

"Ich habe versucht, zu lieben und zuzulassen, geliebt zu werden. In einer Welt, in der jeder und jede glaubt zu wissen, warum mein Körper so ist, wie er ist [...] bin ich stumm geblieben und habe meine Geschichte verschwiegen. Und jetzt will ich nicht länger schweigen." Roxane Gay

Ludwig Wittgenstein schrieb "Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen." Sicher etwas Wahres dran, aber man kann immer lernen zu reden, im besten Falle durch liebevolle Unterstützung. Um Immanuel Kant provokant auch zu Wort kommen zu lassen "Es ist so bequem, unmündig zu sein." und daraus: Es ist so unbequem, mündig zu sein- aber notwendig. Denn es sind nicht Frauen wie eine Roxane Gay, Leslie Jamison oder Frau I. die verrückt waren- es war ihre Welt, die ver-rückte. Heute schreiben sie mit Mut über ihre Geschichte und geben Hoffnung, dass die Welt durch ihre Geschichten wieder zusammen-rücken kann. Denn wir alle tragen Wunden, die einen oberflächlich, die anderen tiefgehend bis ins Mark. Und doch können Wunden heilen, selbst wenn Narben bleiben.

Denn:

Vieles ist zu zart, um erklärt zu werden, aber sichtbar um erzählt zu werden.


Liebevoll,

Isabell

Lesetipps:

- "Die Klarheit" von Leslie Jamison - Interview in der ZEIT mit Leslie Jamison vom 8.Dezember 2018 https://www.zeit.de/zeit-magazin/2018/51/leslie-jamison-schriftstellerin-alkoholsucht-buch - "Hunger" von Roxane Gay - Interview in der ZEIT mit Roxane Gay vom 10.Juni 2019 https://www.zeit.de/entdecken/2019-06/roxane-gay-hunger-buch-fettsein-trauma-feminismus - Artikel im Standard vom 20.Oktober 2019 https://www.derstandard.at/story/2000110044003/bad-feminist-roxane-gay-versoehnlich-im-ton-hart-in-der

- "Ein Hungerkünstler" von Franz Kafka


0 Ansichten
  • Instagram
  • Black Facebook Icon

© 2019 by :bell Fotografie mit Sinnen

Proudly created with Wix.com 

Datenschutz | Impressum | Hinweis