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  • Isabell

No!

Wie eine Italienreise mir lernte "Nein!" auszusprechen.

Ich sitze in einem Café in einem kleinen sizilianischen Dorf und schlürfe meinen Cappuccino, erfreue mich der Sonnenstrahlen und genieße das mediterrane Gefühle von "Dolce far niente". Es dauert nicht lange und der Moment des ruhigen Genusses wird freundlich, aber bewusst von italienischen Worten durchbrochen, die ich kaum verstehe. Ich versuche zu erklären "No italiano." und "I do not speak italian." Der Italiener mit Brille gibt nicht auf. Ich spüre in mir ein Gefühl von: Nein. Ich will nicht reden.

Ein charmantes Lächeln scheint mir ins Gesicht und es fällt mir schwer diesem mit einem unfreundlichen Nicht-lächeln entgegenzuwirken. Frau ist doch in Italien. Ich lächle innerlich gezwungen zurück und spreche klar aus: "No. Grazie." Innerlich noch unklar, aber die Worte nach außen wirken. No!

Der Mann wünscht mir (so meine Vermutung aus dem Italienischen laienhaft übersetzt) einen schönen Tag. Zumindest höre ich die Wörter "buon" und "giorno". Er geht.


Auf meiner Reise nach und auf Sizilien passieren mir viele solcher Momente, wo es jemand freundlich meinte, mit mir ins Gespräch zu kommen oder mich zum Abendessen einzuladen, noch oft. Und jedes Mal lerne ich erneut das Wort "No" mit einem Hauch von Freundlichkeit und auch am Ende hin mit Humor mit einem "!" auszusprechen. Nicht erklärend, weil ich es mit den wenigen Wörter in italienischer Sprache nicht kann. Ich übe mich nicht rechtfertigen zu müssen. Und auch das gezwungene Lächeln wird etwas entspannter, nüchterner. Weil es nicht sein muss.


"Die Fähigkeit, das Wort "Nein" auszusprechen, ist der erste Schritt zu Freiheit." Nicolas Chamfort

Am Weg zurück nach Wien mache ich mir meine Gedanken über das Wörtchen Nein. Im Italienischen noch kürzer und für mich leichter von der Lippe gehend: No!

Eigentlich braucht es gar nicht mehr als dieses Wort um klar zu sein. Oder? Genau wie das Gegenstück - im Italienischen so schön klingend - "Si". Ja, das ist auch im Deutschen kurz. Wenn ich ehrlich bin, fällt mir das Wort "Ja" im Alltag viel leichter zu sagen. Dabei zu lächeln. Warum? Vielleicht weil es freundlich scheint zuzustimmen. Womöglich auch ein Stück "Gefallen wollen", statt sich mit einem "Nein" dagegen zu stimmen?

Die Tage darauf erreicht mich eine E-mail mit einem Bild zum Novemberbeginn, in der das Wort NO kreativ verpackt ist. Ich denke: Ja schau, da haben wir das Wort wieder.

Wie wäre es mal zu üben im November das No herauszufiltern.

"NOvember kann als No-vember geübt werden."

Üben bedeutet für mich immer wieder in Situationen zu kommen, in denen das Leben mir etwas lehren will. Ich bin dankbar, dass ich dem Leben wie einer Lehrerin immer wieder begegnen darf. Situationen wie Hausaufgaben sehen, die manchmal herausfordern und mühsam sind. Aber man/frau lernt daraus.

Unlängst bekomme ich eine Nachricht eines lieben Menschen mit einem Angebot einer gemeinsamen Unternehmung. Ich spüre, es ist nicht stimmig für mich. Gedanken kreisen um die Angelegenheit. "Wie soll ich das jetzt erklären?"

Dann der einleuchtende Moment: Sag einfach Nein.

Ich tippe eine Antwort, kurz und klar: "Nein, Danke." Und mir ist leichter. Gar nicht erklärend, weil es vielleicht auch keine Erklärung braucht.


Im neuen und sehr zu empfehlenden Film über Elfriede Jelinek "Die Sprache von der Leine lassen" spricht sie am Ende einen weisen Satz aus, den ich in meinen Worten versuche wiederzugeben: Dass, sie aufgehört hat sich zu erklären, weil jede Erklärung diese schwächt.

"Klarheit ist die Höflichkeit des Schriftstellers." Jules Renard

Vielleicht ist es oft viel einfacher als wir es uns selbst machen. Es spricht wohl nichts dagegen Antworten zu geben, aber auch nichts gegen ein klares Ja oder Nein. Ohne Erklärung oder Rechtfertigung. Punkt. ...oder vielleicht einem Danke hinten an? Ich bevorzuge es höflich zu sein.

Ich suche nach dem Wort Erklärung auf Google und finde ein nachklingendes Zitat:

"Es ist gut, dass wir die Erklärung der Menschenrechte haben. Besser wäre es, wenn wir sie erst gar nicht bräuchten. “ Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach

Was von Feuerbach damit wohl ausdrücken will? Als Schöpfer des bayrischen Strafgesetzbuches ging es ihm wohl um das Recht. Was ich dem abgewinnen kann ist mein Inhalt: Dass es vielleicht auch gut ist, wenn ich meine Erklärung habe, aber noch besser wenn ich sie erst gar nicht brauche, oder Ausspreche. Hohe Kunst?


Aber wie heißt es doch so schön:

"Was man lernen darf, um es zu tun, das lernt man, in dem man es tut." nach Aristoteles

Und damit schicke ich Mut zu einem klaren Ja und klaren Nein. Solange wir nicht Chinesisch sprechen, denn in Mandarin ist es nicht so leicht Ja oder Nein zu sagen. Aber das ist eine andere Geschichte...



Mit einem Ciao aus dem Italienischen,

Isabell



 

Filmtipp:

- Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen « Filmcasino


Lesetipp: - "Dolce Vita für Fortgeschrittene" von Dori Mellina (um die Italiener/innen etwas besser zu verstehen)


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