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  • Isabell

Die Ernte ist dem Menschen zumutbar.

Was wir ernten steht in Zusammenhang mit dem was wir getan haben oder eben nicht taten.


Sehen wir uns die Trauben an den Weinreben im Herbst an, so wird doch augenscheinlich wie die Zeit die Frucht zeichnet: zu wenig Sonne, zu viel Regen oder auch zu wenig Pflege. Die Traubenlese macht sichtbar, was zuvor geschah. Das Herbsten, aus dem Wort Herbst entstanden, beschreibt diese Tätigkeit. Der Herbst lädt ein, zu ernten was reif geworden ist. Nicht nur Trauben, auch Beziehungen, Begegnungen oder innere Prozesse. Nun reifen nicht alle Trauben, manche welken: Traubenwelke. Diese beschreibt, dass es Trauben gibt, die zur Weinbereitung nicht geeignet sind, da sie während der Traubenreife erschlafft sind oder gestört wurden.

Wie passend- können wir den Werdegang des Weins vielleicht auch auf unser Leben anwenden. Der Herbst lädt ein, wie die Blätter von den Bäumen fallen, zu ernten, los zu lassen. Jene Früchte die gut tun, zu verwenden und jene, die eben nicht gut tun, sein zu lassen. Auch wenn der Anblick nicht schön ist, aber tut es denn einem selbst gut einen sauren Wein zu trinken oder gar einen verdorbenen? Und wenn wir uns ehrlich gegenüber sind, dann ist die Ernte ein Ergebnis vom Prozess. Und dieses sollten wir doch den Menschen zumuten dürfen? Mut haben zu uns selbst zu stehen. Ja sagen zu sich, auch wenn es ein Nein für den anderen ist. Aber tun wir das? Kommt dabei nicht oft Angst einher; Angst sich der Person ehrlich gegenüber zu stellen und zu sagen: Die Ernte ist nicht gelungen. Der Wein wird nichts werden. Nein, Danke. Sicher gibt es immer Umwelteinflüsse, die wir nicht in der Hand haben, aber dennoch gibt es Dinge, denen wir uns als Mensch stellen sollten. Zum Wohle der Mitmenschen und meines Herzens auch zum Wohle des Kindes. Denn wie die Trauben einen Reifungsprozess durchwachsen, so sind die Kinder für eine absehbare Zeit in Obhut der Eltern oder nahen Angehörigen im Reifungsprozess. Selbst, wenn dieser auch im Erwachsenenalter nicht endet, tut es wohl, wenn die Zeit in der Kindheit Fürsorge, Schutz und nährende Bedingungen bietet.

Und wenn nicht, dann soll die Ernte, die daraus hervorgeht den verantwortlichen Menschen zumutbar sein dürfen. Ingeborg Bachmann zärtlich zitiert, zugleich auch ihre Grabinschrift:


"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar."

Ohne zu fragen was die Wahrheit ist, von der gibt es ja bekanntlich viele Facetten, stellt sich die Frage: Was mute ich mir und damit auch dem anderen zu?

Nehme ich Verantwortung auf mich, weil ich es anderen eben nicht zumute? Weil ich glaube, dass es eine Zumutung ist; zu tragen, was war oder ist. Stattdessen trage ich die Last alleine...mute es den anderen nicht zu, aber mir. Als Last auf mir. Ist das nicht eine Zumutung?

Oder beschütze ich das Gegenüber, weil ich denke zu wissen, dass er oder sie die Augen nicht öffnen kann. "Blinde" Menschen gibt es ja bekanntlich. Doch neben den Augen gibt es andere Sinne, die geöffnet werden könn(t)en: Hören, Sprechen, Riechen (wenn es mal wirklich stinkt...), Schmecken und das wunderbare Fühlen. Astrid Lindgren schrieb schon "Es ist gut, dass du fühlen kannst." In ihrer Biografie "Astrid Lindgren. Ihr Leben" steht ganz mitfühlend geschrieben:


"Oh, ich wünschte so sehr, dass du glücklich sein könntest und nicht so viele Tränen auf deiner Wange zu haben brauchtest. Aber es ist gut, dass du fühlen kannst, dass du dich um andere sorgst und traurige Gedanken kennst, ich fühle mich dir gerade deshalb verwandt. [...] "

Denn durchs Fühlen drückt sich etwas aus. Gebe ich dem dann auch den Raum, geschützt und in Sicherheit, so finde ich mich in anderen wieder. Niemand ist alleine mit seinen Gefühlen, seinen Gedanken. Doch erst das Nach-außen-gehen damit, wenn man sich soweit fühlt, lässt einem Zeigen, dass es anderen auch so geht. Und sollte dem "Bauer" oder der "Bäuerin" nach wie vor die Ernte nicht zumutbar sein, so ist es nicht verwerflich, wenn man statt Wein mal einen Sturm ( ein noch in Gärung befindlicher neuer Wein) beim anderen Bauer sich gönnt, bis Gras über die Sache gewachsen ist bzw. die Rebstöcke sich erholt haben für neue Ernte.


Denn es ist gut, dass wir fühlen. Und es ist gut, wenn wir uns anderen zumuten. Nur Mut - zu dir.


Herbstliche Grüße,

Isabell

Lesetipps: * "Astrid Lindgren. Ihr Leben." von Jens Andersen * Für den Mut: "Hunger. Die Geschichte meines Körpers" von Roxane Gay


Wissen rund um den Wein: * Die Rebe im Jahresverlauf: https://www.pfannenstielhof.it/deutsch/fotos/die-rebe-im-jahreslauf/


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