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  • Isabell

Die Scham in mir

Über die Scham und was ich durch sie lernte.


"Ich fühle mich falsch. Ich fühle mich anders. Irgendetwas stimmt nicht...mit mir." Gedanken, die mich selbst zerfleischten.

Verletzungen aus der eigenen Gedankenwelt mir selbst gegenüber, weil ich dachte, dass etwas anders ist mit mir. Wie sollte ich es anders wissen? War das Gefühl doch schon seit Kindesalter in mir. Ich konnte keine Worte finden, um sie nach Außen auszudrücken.

"Die Scham existiert überall dort, wo es ein Mysterium gibt",

meinte Nietzsche und trifft es, meiner Erfarhung nach, auf den Punkt. Hier beginnt die Reise in die dunkle Welt der Scham.

Wenn ich mich schämte, fühlte ich "Ich bin falsch" und nicht "Hier passt etwas nicht für mich" oder "Hier liegt ein Mysterium vor". Ich suchte lange in mir, kritisch und destruktik, stellte keine Fragen ans Außen und war nur in meiner Innenwelt unterwegs; alleine mit dem dunklen Gefühl, dem ich kein Vertrauen schenkte. Heute glaub ich die Antwort zu kennen: Aus dem Nicht-reden vieler Situationen, wo für mich etwas nicht gepasst hat, eignete ich mir das Schweigen an. Wo missbräuchliche Grenzüberschreitungen passierten, sagte ich nichts und blieb still, weil ich ein Kind war und geliebt werden wollte. Es geht mir auch heute nicht um ein Verurteilen oder zuweisen einer Schuld, sondern vielmehr um ein achtsames Entwickeln mit der Scham in mir.

Sehr oft schützen Kinder ihre Eltern, weil sie spüren welche Konsequenzen dies haben kann und sie die Personen nicht verlieren wollen. Kinder lieben bedingungslos. Sie sind abhängig. Diese Abhängigkeit zu missbrauchen für die eigenen Bedürfnisse von Erwachsenen, ist meiner Meinung nach eine tiefe Verletzung der Intimität eines Kindes. Die Frage die sich mir mit Wut stellt: Wo ist die Integrität der Erziehungspersonen?

Nach jahrelanger Erfahrung im Leben in Scham ziehe ich den Vorhang auf und zeige mich.

Stelle ich mich heute dem Gefühl der Scham, ehrlich, mutig und stehe dabei zu mir, nehme mich ernst und wahr, so liegt für mich in diesem Gefühl großes Potenzial inne: Jene der Selbstreflexion und Innenschau in Wertschätzung meiner Grenzen und Bedürfnisse. Was brauche ich? Was brauche ich nicht? Was will ich nicht? Was tut mir nicht gut? Ich möchte mich meiner Integrität bemühen. Aus dem Gefühl des Unwohlseins, die Scham wahrzunehmen, sich bewusst zu werden und dadurch sich selbst besser kennen lernen zu können, ist für mich das wertvollste Geschenk der Scham. Selbst wenn der Weg oft mühsam ist, einem Angst macht oder auch verzweifeln lässt.

Nur wer auf einen unbekannten Berg steigen will, der wird gewissen Unannehmlichkeiten nicht auskommen, wenn man seinen eigenen Weg rauf gehen will.

Zu den Gletscherspalten des Berges der Scham:

Allzu oft bleibt, besonders bei tiefen Verletzungen über die nicht gesprochen werden konnte, die Angst der Dunkelheit der Scham in einem zurück. Die Versuchung in die alte Gedankenspirale "Ich bin falsch" zu stürzen ist groß.

Würde nämlich das Gefühl, welches meist ganz gut spürt, dass hier etwas nicht stimmt und nicht man/frau selbst falsch ist, einfach ausgesprochen werden, so wäre dem Mysterium nach Nietzsche zumindest etwas Klarheit entgegen gebracht und könnte Raum zum Abklären schaffen.

Dinge aussprechen, Gefühle in Worte fassen und die Scham transformieren in eine Kraft für einen, nicht gegen.

Das klingt alles leicht. War es aber für mich oft nicht und ist heute noch eine Herausforderung.

Die traumatische Schleife zieht sich immer wieder durchs Leben. Nebel, schlechtes Wetter und das Gefühl alleine unterwegs auf seinem Weg zu sein, begleiteten mich. Bis ich zu sprechen lernten, in einem geschützten Raum mit einer Therapeutin, die mich, so wie ich ihr am Ende der Therapie dankbar beschrieb, immer ganz sanft an der Hand nahm, wenn ich dachte ich verliere mich. Den Weg selbst ging aber ich voraus. Weil es auch mein Weg war. Mein Berg. Zu wissen, da war jemand, war eine unheimliche Stütze und Stärkung in dieser Zeit.

Denn was ein jahrelanges Nicht-reden mit sich bringt, ist ein tief eingefahrenes Muster, welches früher als Kind eine Strategie war den Schmerz zu überleben. Der Schmerz wurde irgendwann zu groß, weil er gesehen werden will. Der Rucksack gefüllt mit Dingen, die eigentlich dem Verantwortungsbereich anderer zugeordnet werden darf, belastete und machte den eigenen Weg irgendwann nicht mehr machbar.

Ich stellte den Rucksack ab und ordnete mühsam und langsam Inhalt für Inhalt: was ist mein Anteil, was gehört jemand anderen. Dabei vibrierte mein Körper. Meine Gedanken verloren sich. Mein Herz tat lange weh und schmerzt auch heute noch. Aber der Rucksack wurde leichter, selbst wenn da und dort noch etwas ausgemistet werden darf und seine Zeit braucht.

Ich lernte Schritt für Schritt, was mein Körper braucht. Nach allem was ihm widerfahren ist und auch nach allem, was ich mir in Form von Unterdrückung des Schmerzes selbst antat.

Heute weiß ich, das Innere in mir will geheilt werden. Von mir. Schritt für Schritt.


Für den Heilungsweg gibt es meiner Erfahrung nach keinen fertigen Plan, sondern viele Möglichkeiten.

Jeder darf für sich schauen und fühlen, was gebraucht wird. Weil jeder seinen Weg geht.

Was mich am eigenen Weg immer begleitet ist meine Kamera. Ein Symbol für das Sein im Jetzt. Wenn ich ein Bild mache, bleibe ich stehen. Nehme wahr. Schaue und fühle hin.

Eine Übung sich immer wieder aufs Neue und regelmäßig zu fragen: Was brauche ich jetzt? Bin ich mit mir alleine unterwegs, lässt sich diese Frage leichter beantworten. Je mehr Menschen, desto anspruchsvoller wird es für mich, mich zu fragen "Passt das noch?"

Wird nichts gesagt...kommt schnell das alte Gefühl "in einem anderen Kostüm" wieder hoch - bis der Trigger einen erreicht. Verwirrung im Körper. Verwirrung im Gehirn. Erschöpfung und Chaos.


Um aus diesem Gefühl im Körper und auch im Gehirn wieder heraus zu kommen braucht es für mich immer wieder Zeit, Ruhe, Abstand zur Situation und womöglich auch ein klares Gespräch mit einer Vertrauensperson. Gedankenschleifen, die sich verselbstständigen waren bei mir oft die zusätzliche Last. Die zwei Pfeile des Buddhas erklären dies sehr gut. "Der Schmerz, ob körperlich oder seelisch, ist ein Pfeil, der dich trifft und dessen Leid du wahrnimmst, so wie es sich für dich anfühlt. Der zweite Pfeil ist deine Bewertung, deine Ablehnung und dein Kampf gegen den Schmerz des ersten Pfeils." Ich schoss immer wieder einen Pfeil ab. Bis das Leid in mir zu groß wurde und ich spürte: Es reicht. Stopp! Besser zu spät als nie. Und beim nächsten mal werde ich gewiss früher das Gefühl wahrnehmen. Und das gibt es zu lernen:

Sich selbst wahrnehmen, sich selbst spüren und sich selbst wieder vertrauen lernen.

Gespräche waren für mich sehr heilsam. Wenn man Reden kann über den Vorfall, kann sich der Kopf ein klares Bild machen und die Gefühle sind nicht mehr in einer emotionalen Ladung am Vibrieren im Körper. Empathie und das Gefühl von Verständnis sind wie Balsam für einen traumatisierten Körper und verwirrten Kopf.


Wenn wir die Verletzlichkeit selbst annehmen, können wir heilen.

Aus der Klarheit heraus zeigt sich der Weg zur eigenen Wahrheit. Und die Wahrheit ist und bleibt die eigene Wahrnehmung. So wie wir alle unsere Form von Realität abbilden.

"Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben." Hermann Hesse

Dass es dabei immer wieder Rückschläge gibt ist der Prozess des Werdens. Immer wieder neu. Immer wieder anders. Das Leben.

Seit Jahren nehme ich bewusster wahr, wie sich Demut dem Berg gegenüber in mir anfühlt. Demut sich selbst gegenüber hat eine noch viel tiefere Dimension, als womöglich der höchste Berg Mons Huygens am Mond hoch ist.

Sich selbst zu lieben mit all den Sonnen- und Schattenseiten in einem, ist die Kunst, die es zu lernen gibt, wenn man der Scham ins Gesicht schaut und sich dabei nicht mehr schämt. Weil die Scham sein darf und ich dennoch bin.

Liebevoll und in Mitgefühl.

Demütig.



Wahrhaftige Grüße,

Isabell



Herzensempfehlung

- Somatic Experiencing nach Peter A. Levine - "The Work" von Katie Byron


Buchtipps

- "Das Drama des begabten Kindes" von Alice Miller

- "Trauma-Heilung" , "Sprache ohne Worte" von Peter A. Levine

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Hörtipp

- "Dive into the Blue" von Renee Sunbird

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