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  • Isabell

Hinter dem Schmerz

Aktualisiert: Nov 12

Über das Annehmen von Schmerz, den Unterschied zu Leid und Inspirationen zum Fühlen.

Lange dachte ich, ich verstehe mich. Lange dachte ich, wenn ich das Gefühl verstehe, dann habe ich es gelöst und überstanden. Aber nicht alles lässt sich mit Denken heilen. Der Intellekt hat seine Grenzen.

Sich das einzugestehen gefiel meinem Ego natürlich nicht. "Wie, ich soll etwas nicht verstehen?" fragte mein Kopf mein Herz von oben herab.

"Ja, du lernst es ganzer zu verstehen, wenn du es auch fühlst."

hörte ich mein Herz leise und schüchtern flüstern.


Das liebe kleine Herz in unserer Brust. Schlägt es Tag aus, Tag ein für uns, so denken wir wenig dran wie wertvoll es ist und was es uns oft sagen will. Erst wenn es weh tut, hören wir hin. Die Antwort, warum es weh tut, erreicht uns im Gefühl. So gerne erzählen wir darüber, dass wir Schmetterlinge im Bauch haben. So schwer fällt es aber, wenn wir gefühlt Steine um unser Herz aufgebaut haben.

"The cure for the pain is in the pain." Rumi

Als kleines Kind kann ich mich guter erinnern an die kühne Antwort "Bis zum Heiraten wirds schon wieder" die manchmal jemand sagte, wenn ich meinen Gefühlen Ausdruck verlieh. Mein Herz zog sich zurück. Das sitzt bis heute tief in meiner Brust.

Eine wohlwollende Umarmung, ein Lächeln der Person mir gegenüber tat mir viel wohler als die Worte, die ich nicht verstehen konnte. Aber nicht immer war die Wärme im Herzen der Menschen um mich gegeben, weil sie vielleicht selbst nicht mit Wärme getröstet wurden, als sie klein waren. Damals verwirrte mich das. Heute habe ich Mitgefühl mit den verletzten Herzen.

Trost und Herzenswärme tun doch so wohl, wenn es einem am Herzen drückt.

Warum reden wir dann so viel mehr darüber als dass wir uns nicht einfach in die Arme nehmen und lieb haben. Ja - umarmen mit Nähe und einem Gefühl von "Es ist ok, wie es ist. Du bist ok. Lass es raus."

Wir brauchen die Nähe von liebevollen Menschen doch so sehr statt Abstand und Kälte.

Unlängst habe ich nach einem Gespräch, aus dem ich verwirrt im Kopf und Herz nachhause kam, gespürt: Ich brauch einen Menschen neben mir, der mich wahr nimmt und der auch sich wahr nimmt ohne, dass es um ein "Ich muss dich dir erklären oder dich retten" geht. Ich folgte meinem Herz und ging einfach an die Tür meines geschätzten Nachbarn einen Stock höher und wurde freundlich herein begrüßt. Natürlich sprachen wir miteinander, es gab aber so viele Momente wo wir beide nur waren. Als ich doch etwas weinerlich sagte "Ich frage mich manchmal warum Menschen so leiden..." meinte er in ruhiger Stimme: "Es gibt einen Unterschied zwischen Leid und Schmerz. Schmerz ist da, er darf da sein. Leid ist das was wir aus dem Schmerz machen. Leiden ist etwas was wir tun. Schmerz ist einfach. Auch wenn es nicht angenehm ist ihn auszuhalten. Wenn du aber wirklich fühlst, leidest du nicht mehr."

"The wound is the place where the light enters you." Rumi

In diesem Moment wurde mir warm ums Herz und mir ging nicht nur ein Licht im Kopf sondern eben auch eines im Herz auf. Ich entscheide ob ich leide! Wenn sich Schmerz im Körper zeigt, dann ist der da. Ob er ganz alt aus tiefen Schichten an die Oberfläche kommt oder ein aktueller Schmerz aus der Gegenwart ist. Er tut weh. Wenn ich aber immer vor diesem Schmerz davon laufe, ihn unterdrücke oder überspiele so wird er wohl immer "lauter" oder stärker, bis er wirklich gefühlt wird. Dass das nicht angenehm ist, davon kann ich ein Lied singen bzw. ich schreibe diesen Blog auf meine melodische Art mit Wörtern statt Tönen (...du darfst jetzt auch lächeln, selbst wenn ich von Schmerz schreibe ;) )


Ich möchte ermutigen zu fühlen.


Ja, es tut oft scheiß weh.

Ja, es schmerzt manchmal tief in alle Schichten des Körpers.

Ja, es durchfährt Muskeln, Sehnen und Knochen.

Ja, man weint oft tausende Tränen.

Ja, er darf da sein dieser Schmerz.


"These pains you feel are messengers. Listen to them." Rumi

Nur wenn ich den Schmerz zulasse, verändert sich etwas: Er wird gefühlt, so wie es Gefühle uns ermöglichen. Was ist denn die Freude, wenn man nicht lächelt. Was ist der Schmerz, wenn man nicht auch mal weint mit ihm?


Denn in allem was man fühlt - man ist nicht das Gefühl.

Ich kann nur ermutigen, dass der Mut zum Zulassen von Gefühlen die beste Medizin ist, die es gibt. Denn der Schmerz will einfach gesehen und womöglich auch in die Arme genommen werden.

Jahre lang spürte ich nichts, weil ich davonlief vor ihm. Im wahrsten Sinne. Es war damals gut so, dass ich lief. Aber irgendwann wurde ich müde vom laufen und ständigen auf der Hut sein. Mein Körper zeigte es mir, dass es an der Zeit ist tiefer zu gehen: Zu fühlen. Hier. Jetzt.


Ja, es braucht Mut. Du bist mutig.

Ja, es braucht Vertrauen. Du hast Vertrauen in dir.

Ja, es braucht Sicherheit. Du bist in Sicherheit.

Ja, es braucht Hoffnung. Die Hoffnung bist du.


Seitdem ich meinem Schmerz immer wieder die Aufmerksamkeit schenke, die er braucht, transformiert sich der Schmerz. Etwas das mein Kopf nicht versteht, mein Herz aber fühlen kann. Es kommt ganz tief von innen.


Wirklich fühlen heißt nicht, dass man Angst vorm Untergehen im Gefühl haben braucht. Auch wenn ich das Gefühl und die Gedanken darum so gut kenne. "Pass auf dass du nicht in ein tiefes Loch fällst." höre ich eine Stimme in mir sagen. Doch das Loch, das dunkel und finster scheint, hat ein Licht, das darauf wartet gesehen zu werden.


Nein, weil es weh tut braucht man sich nicht verstecken.

Nein, weil es weh tut brauch braucht man sich nicht schämen.

Nein, weil es weh tut braucht man sich nicht verbieten zu sein.

Nein, weil es weh tut ist man kein schwacher Mensch.


Es darf sein.

Du darfst sein.


Ich schicke Licht in die Welt, dass wir uns alle viel mehr zeigen, wie es unserem Herz geht. So wie die dunkle Jahreszeit schon spürbar ist, so darf sich auch die dunkle Seite in uns zeigen - mit allem was ist.

Denn ich glaube daran, dass es beides braucht. Tag und Nacht. Licht und Dunkelheit. Schmerz und Liebe.


Herzlichst, Isabell



Herzenstipp: - An die frische Luft gehen - Wärme in allen Formen: Tee, Essen, Baden, Wärmeflasche - Liebe in allen Formen: Freunde, Familie, PartnerIn, Natur

- Bewegung in allen Formen, die einem gut tun

- Licht: Sonne, Teelichter

- Achtsamkeit üben mit "Was fühle ich jetzt?"


Musiktipp für dein Herz:

- Janin Devi & André Maris - Hinter deiner Angst - YouTube


Lesetipp für dein Herz:

- Edith Eva Eger: Ich bin hier, und alles ist jetzt - Buch - btb Verlag (penguinrandomhouse.de)

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