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  • Isabell

Nah sein und doch entfernt

Über zwischenmenschliche Nähe und wie verschiedenartig als auch kreativ diese gelebt werden kann.


Ein Sprichwort aus der Sahara besagt: "Sie rückte ganz nahe zu mir hin und ich zu ihr. Und meine Seele erfrischte sich durch die gegenseitige Nähe." Aber was heißt denn "jemanden nah sein"? Setzt eine physische Nähe im Sinne von nebeneinander sitzen, sich sehen und die Körper einander berühren lassen diese Nähe voraus oder gibt es nicht auch eine Nähe zu der es per se nicht das gegenüber braucht, weil man sie/ihn auch fühlen kann? Wie, ich soll jemanden nah sein ohne den Menschen selbst im Raum? Ob man es soll oder nicht, das bleibt wohl jedem selbst überlassen. Ich möchte nur einladen auch neue Wege zu gehen, zu erkunden, die man bisher gar nicht für möglich hielt. Weil kein Grund da war anders zu fühlen, zu denken und zu leben.

Nun gibt es Momente und Zeiten im Leben, wo es nicht anders geht: Entfernung ist da. Zu überwinden mit Geduld, mit Mitgefühl und womöglich auch mit anderen Möglichkeiten als bisher. Grund liefern km weite Strecken, Barrieren auch in uns selbst - weil man Nähe nicht zulassen kann - oder auch der Tod, dem wir früher oder später auch nicht auskommen werden. Und genau dann ist vielleicht der Moment wo man sich ehrlich fragen kann, wie gehe ich jetzt damit um? Was kann ich jetzt für mich tun?

Gefühle, die hoch kommen dürfen da sein.

Ob eine von außen auferlegte Regel Wut erzeugt oder die eigene Einschränkung in sich, die aus Schutz entstand, zu Scham führt oder auch die Trauer, weil der Tod an die Tür geklopft hat. Alles darf sein. Denn es ist jetzt so, was aber nicht heißt, dass es ewig so bleibt. Dazu Heraklit: "Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung."

Wie verändern? Die Situation annehmen, schrittweise lernen. Mit Mitgefühl sich gegenüber, ohne innerem Druck. Mit Umsicht anderen gegenüber, ohne mit Druck nach außen zu gehen.

"Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind."

meinte einst Albert Einstein. Und davon kann man sich doch etwas abschauen: Enge wird nicht durchbrochen durch noch näher gehen. Entfernung wird nicht weniger weit durch weg gehen. Distanz wird nicht kleiner durch sich distanzieren. Stattdessen braucht es andere Wege und Zeit, Raum und Geduld. Für Veränderung im Innen als auch im Außen mit Kreativität und Mut.

Beleuchten wir die Sache einmal von anderen Seite: Nähe ist da, aber nicht nah genug. Anke Maggauer-Krische, eine deutsche Lyrikerin, schreibt schön:

"Menschen können sich wohl berühren und erreichen einander doch nicht."

Worte, die dem einen oder der anderen nahe gehen, weil sie es kennen oder auch schon mal gefühlt haben. Es gibt doch immer wieder Momente, in denen man sich denkt: Wo ist das Gegenüber eigentlich gerade? Oder auch selbstkritisch: Wo bin ich gerade mit meinen Gedanken? Niemand ist immer ganz da. Wir blenden Dinge oft unbewusst aus oder nehmen Dinge wahr oder nicht, die andere nicht oder doch wahrnehmen. Was nicht heißen soll, dass das eine richtig und das andere falsch ist. Im Gegenteil: Für mich ist es so. Für dich ist es anders. Wahrnehmen, was man selbst für wahr annimmt. In der eigenen Welt und mit etwas Glück auch in der Welt des anderen: Man spricht nicht, aber man fühlt sich.

"Sprache ohne Worte"

nach Peter Levine, ein amerikanischer Biophysiker, Psychologe und körperorientierter Traumatherapeut, der genau das in vielen seiner Bücher erklärbar macht: Wir sprechen auch ohne Worte, mit und durch unseren Körper. Dazu braucht es keinen Heraklit oder Einstein. Das Herz am rechten Fleck ist wohl genug. Da sein und fühlen. Wohl aber: Nähe zwischen Menschen darf und soll genossen werden. Wir nähren uns auch dadurch. So sind wir Menschen doch soziale Wesen entwickeln durch ein "Du" das eigene "Ich". Viktor Frankl, österreichischer Neurologe und Psychiater, meinte dazu: "Das Ich wird zum Ich erst durch ein Du". Aber: Ein Sich-selbst-nah-sein darf ebenso gelebt werden. Das lehren uns vielleicht diese "einsamen" Stunden, in denen man aber sich selbst näher kommen kann als Voraussetzung auch Nähe anderer zuzulassen.

Und wenn weder Worte noch physische Nähe berühren oder auch gar nicht da sind: kreativ bleiben.

Die Kraft der Gedanken kann viel bewegen und wenn sie positiv ist, in erster Linie das eigene Leben und die Einstellung bzw. Sicht darauf. Ist jemand nicht in unmittelbarer Nähe, wie schön ist es doch trotzdem an ihn zu denken und dankbar die schönen gemeinsamen Erinnerungen nochmal Revue passieren zu lassen. Den Moment auskosten wie eine süße Praline, die langsam auf der Zunge zergeht. Denn auch dadurch stärkt man die Beziehung positiv, im Wertschätzen für alles was schon war. Und womöglich wird einem dabei selbst noch das eine oder andere bewusst, dass man vorher gar nicht wahrgenommen hat. Weil man nicht achtsam hinsah und/oder hinfühlte. Denn wenn es an der Zeit ist, dann kann ein Nah-sein auf allen Ebene auch möglich sein. Ob durch Worte, Berührungen oder auch einem "einfachen" wortlosen stillen Da-sein. Wenn es nicht mehr möglich ist gemeinsam da zu sein, dann in tiefer Verbundenheit die Erinnerung an den Menschen näher werden lassen. Das Gefühl davon mitnehmen und daraus Kraft tanken für neue Begegnungen. In Wertschätzung und Dankbarkeit für das was war. Und mit Hoffnung auf das was Neues werden kann.


Denn es ist alles da. Immer. In dir.


In Vertrauen und Hoffnung für mehr Nähe in der Welt,

Isabell



Herzenstipp: - Essenleben durch Christine Weigl https://www.essenzleben.at/

Buchtipp: - "Trotzdem Ja zum Leben sagen" von Viktor Frankl


Videotipp: - Interview mit Peter Levine https://www.thetraumatherapistproject.com/podcast/peter-levine-phd-managing-in-the-midst-of-covid-19/ * Danke dafür an Rita Säckl https://www.rita-saeckl.at/

- Entspannungsreise in den Wald https://www.youtube.com/watch?v=u6QK4_0tYTc

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