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Vertrauen finden in den Bergen

Isabell
vor 3 Stunden
4 Min. Lesezeit

Ein Wochenende in den Bergen lässt mich über das Thema Vertrauen reflektieren und am Ende nachspüren, was es heißen kann zu vertrauen.

Wir sind zu viert am Weg zur Peter-Wiechenthaler-Hütte im Steinernen Meer bei Saalfelden. Jede/r mit seinem Rucksack, jede/r mit seinen Themen, die das Leben so mit sich bringen kann.

Ich steige mit (m)einem Rucksack von Vertrauensbruch hoch. Zwei Wochen zuvor erfuhr ich von einem mir sehr nahestehenden Menschen, dass er mich hintergangen hatte. Es tat und tut weh dies zu hören. Das Gefühl, das ich seit Monaten im Bauch spürte, und er immer wieder abstritt, bewahrheitet sich. Der Schmerz, dass er sich mir offenbar nicht anvertrauen wollte oder sich selbst die Ereignisse nicht eingestehen konnte, geht mir bis in die Knochen. Ich spüre Verletzung, Enttäuschung und Kränkung.

Anfangs stehe ich unter Schock. Dann wechseln sich Wut, Trauer und Kontrollverlust ab, überrollen mich wie Wellen. Aber ich fühle mich nicht alleine in diesen Gefühls-Wellen. Bin es auch nicht. Freunde, Nachbarn und Menschen, denen ich in dieser Zeit zufällig von Herzen begegne, sind da.

Trotz dem Schmerz wage ich mich in die Berge, denn meine Erfahrung ist, dass es mir danach immer besser geht als zuvor.

So auch an diesem Wochenende im Steinernen Meer: Ich bin mit vier alten Bergfreunden unterwegs.

Der Anstieg zur Hütte treibt mir den Schweiß aus den Poren. Nicht nur die Sonne, die an diesem Herbsttag vom Himmel scheint, lässt mich schwitzen. Viele Gedanken und Gefühle wühlen sich durch meinen Körper. Nach einer Weile spüre ich, ich brauche etwas Luft für mich und gehe meinen Weg etwas schneller. Will mich spüren. Will weinen. Will frei sein. Will weg. Und bleibe trotzdem da - am Weg hoch zur Hütte.

Nur das Wollen treibt mich an die Grenze. Eine Bank am Wegrand bietet sich an Pause zu machen. Ich halte Inne. Spüre nach. Weine. Etwas löst sich in mir.

Abends falle ich hundemüde ins Lagerbett und schlafe tief und fest. Was seit Wochen nicht möglich war, gelingt mir in der rauen Landschaft der Berge- beschützt in der Hütte. Bin dankbar für die Ruhe, die klare Luft und am nächsten Morgen gemeinsam mit den Bergfreunden gemütlich zu frühstücken.

Wir starten unsere Tour etwas später, gehen es gemütlich an. Solche Momente sind Genussmomente für mich - Zeit haben, sich Zeit nehmen. Jede/r in seinem Tempo und dennoch alle zusammen am selben Weg. Wir besteigen das Persailhorn und blicken rüber zum Mitterhorn- dort wollen wir noch hin. Als wir auf diesem stehen meint einer unserer Runde, dort drüben gäbe es noch ein Horn. Und für alle ist klar: Ja, lass uns das machen. Ich bin dankbar in der Runde zu sein und mein Gefühl, dass ich nicht alleine bin, wird von der wunderschönen Berglandschaft bestärkt. Höhenmeter, Wegkilometer liegen am späten Nachmittag hinter uns. Durschwitzt kommen wir auf der Hüttenterrasse an und genießen die letzten Sonnenstrahlen mit Ausblick zu Großglockner und Großvenediger.


Ich bin abends die erste die sich schlafen legt. Gedanken kommen wieder hoch, ich spüre Kontrollverlust. Hinterfrage, wie es zu einem Hintergehen kam. Will es verstehen. Selbstzweifel durchströmen mich, Tränen überfluten mich. Irgendwann schlafe ich ein. Werde immer wieder wach. Früh morgens schleiche ich mich aus dem Lager und sitze mit Decke auf der Terrasse mit Blick in den Morgenhimmel. Ich fühle mich klein und mit dem Schmerz im Herzen gleichzeitig groß.

Mein Herz ruft nach Klarheit. Doch der Nebel hält sich fest unten im Tal und in mir beim Frühstückstisch. Als ich in der Runde teile was mich die Nacht über so beschäftigt hat, wird etwas in mir weicher. Ich lasse Tränen los. Spüre den Schmerz, bin aber nicht alleine damit wie in der Nacht. Weil ich mich zeige. Es braucht Mut für mich in solchen Momenten.

„Vertrauen ist Mut, und Treue ist Kraft.“ Marie von Ebner‑Eschenbach

Die angedachte Tour heute fühlt sich anfangs überfordernd an für mich. Wie soll ich da bloß hochkommen? Will ich das überhaupt? Mir ist vielmehr nach sitzen bleiben und trauern, zurück unter die Decke im Lager.


Doch eine leise Stimme in meinem Herzen flüstert mir: Geh mit, bleib in Bewegung.


So machen wir uns zu viert am Weg. Wieder hoch zum Persailhorn, aber diesmal auf Klettersteigwegen. Ich halte mich fest, mit Händen am Seil, am Fels. Es tut gut diesen Halt zu spüren. Oben angekommen in der Sonne lässt etwas los in mir. Ich blicke in die Ferne. Berge, die älter sind als ich denken kann. Täler, wo Menschen so klein sind, dass ich sie nicht sehen kann. Berggipfel in der Ferne, die nicht greifbar sind.

Und hier auf einem dieser Gipfel sitzen wir zu viert.

Vertrauen durchströmt mich. Neben alten Bergfreunden hier zu sitzen, bestärkt mich, dass ich nicht alleine bin. Unabhängig wo jeder wohnt, arbeitet, wirkt. Etwas verbindet uns, das sich nicht in Jahren messen lässt. Es ist ein Gefühl von Vertraut sein, gewachsen durch die Erlebnisse in den Bergen, die Gespräche und dem steten Bemühen in Verbindung zu bleiben.

In diesem Moment wandern drei Bergsteiger an uns vorbei und fragen, warum wir denn nicht zum Gipfel hoch gehen. Ich antworte "Weil wir zufrieden sind, wo wir sind."

Und da spüre ich: Oft brauchts weniger um glücklich zu sein.


Als wir abends alle zusammen im Zug nachhause sitzen, fühlt sich mein Körper freier, bestärkter und gereinigt an. Selbst wenn die Dusche schon ruft nach drei Tagen in den Bergen und aufgrund von Wassermangel keine Dusche möglich war. So ist manchmal.


Auch wenn Unternehmungen in die Berge mit Unsicherheit verbunden sind - wie wird der Weg, was macht das Wetter, wie wird es mir und den andern gehen - sich darauf immer wieder einzulassen, mit einem Hauch von Verstand, Vorbereitung und Bauchgefühl, lässt mich immer wieder Vertrauen gewinnen. In mich, die Menschen die mich begleiten und ein Stück in die Welt. Den Bergen und den Bergsteigern/innen sei Dank. In diesem Sinne, auf in die Bergwelt. Von Herzen und in Vertrauen, dass Wunden heilen... Isabell


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