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  • Isabell

Von der Angst zu Wunder

Was Angst macht und wozu es Wunder braucht.

Ich stehe wie eingefroren an der Straßenbahnhaltestelle, in meiner Hand ein Dürüm vom wohl bekannten Berliner Döner Laden in Wien. Der Bissen, den ich nehme, bleibt mir fast im Hals stecken und meine Knie beginnen zu zittern, als ich die Worte eines lieben Menschen und Partner meiner langjährigen Beziehung höre: Er will die Stadt verlassen und woanders wohnen. Schock.

Ich fühle mich wie gelähmt. Meine Kiefermuskeln, die noch immer versuchen den Bissen vom Dürüm zu zerkleinern, bewegen sich mühsam und das Schlucken fällt mir schwer, als hätte ich einen Klotz Holz im Hals. Ich schlucke. Den Bissen und auch die Nachricht.

Es vergehen Tage und ich bin anfangs wie paralysiert. Es läuft nach Außen hin alles wie gewohnt, doch immer wieder kommt der Gedanke "Bald ist es anders. Bald ist er weg." Besonders nachts, wenn ich Zeit zum Nachdenken habe, überkommt mich diese Gefühl von tiefer Angst.

Jede Begegnung zwischen uns scheint normal, doch es schleicht sich nach jedem Abschied nehmen ein dumpfes Gefühl in meine Brust, das leise an mein Herz klopft und irgendwann herein gelassen wird: Wellen von Tränen durchströmen mich. Die Angst vor Verlust wird spürbar, der Schock lässt nach. Ich werde weich und in mir ist vieles unklar, sodass mein Verstand fast verrückt wird, weil dieser kein Bild hat, wie es wird, wenn es anders wird. Ich fühle mich verloren und stecke in meiner Angst fest. Keine Bilder.


Was passiert da in mir?

Wir kennen es wohl alle aus der positiven Richtung: Wenn wir Träume kreieren und daraus Kopfbilder ausmalen, sehen wir plötzlich überall die Dinge, die wir im Kopf haben. Die Wahrnehmung ist darauf geschult und sucht nach Abgleich von dem was im Kopf ist und dem was es draußen unter all den vielen Eindrücken bekommt und zensiert ganz einfach. Ich träumte vor geraumer Zeit von einer Busreise und siehe da, nun nehme ich fast alle Busse auf der Straße wahr, an denen ich zuvor ziemlich sicher einfach vorbeigeradelt bin. Tja, der liebe Verstand. Er kann einem das Leben bunt machen. Aber auch grau, wenn die Gedanken im Kopf mit Angst erfüllt sind.


Irgendwann dämmert es mir: Eigentlich ist im Hier und Jetzt alles gut. Ja, ich erlaubte mir sogar den Gedanken: Eigentlich bin ich glücklich. Aber warum das Wort "eigentlich"?

Weil es wohl etwas gibt, dass der Verstand schon als "Es wird anders" klassifiziert hat und das als Negativ einordnet. Gut möglich, dass dabei eine Erfahrungsgeschichte aus der Vergangenheit diese Verbindung macht. Verlust ist gleich Angst.

Somit Ende der glücklichen Geschichte im Hier und Jetzt. Aber woher kommen denn all unsere Geschichten? El Ouassil & Karig schreiben in ihrem neuen Buch "Erzählende Affen" :

"Eine starke Geschichte kann die Welt retten – oder sie zerstören."

Demnach stricken wir das Narrativ selbst. Geprägt von den Erfahrungen der Vergangenheit und all den Gedanken, die wir daraus mitnehmen, oder eben auch erzählt bekommen. Sehr oft unbewusst und unachtsam.

Hier liegt aber ein Schlüssel in eine neue Welt: Geschichte, die wir erzählen machen etwas mit uns und wir können wählen, was wir erzählen.

Zurück zur obigen Situation und meiner Geschichte. Statt zu sagen "Die Welt bricht zusammen, ein lieber Mensch verlässt mich." kann man mit Vertrauen üben zu sagen "Es braucht wohl diese Veränderung. Alle Veränderung daraus für mich, werden mich wachsen lassen und mir gut tun."


Wenn es immer so einfach wäre, nicht?


Man hat doch Pläne im Kopf und die werden jetzt auf den Kopf gestellt. Aber vielleicht ist gerade das ein Teil vom Leben: Das Leben ist kein Haus, das man nach Plan baut.

Das Leben lebt.

Mich lehrt diese Situation gerade tiefe Demut dem Leben gegenüber. Dass ich nicht alles in der Hand habe und ein Plan oft nur ein Plan bleibt. Das Ego will natürlich einen Plan haben und ist nicht erfreut, wenn ich plötzlich da stehe und keinen Plan habe. Aber womöglich braucht es gerade solche Erfahrungen um zu lernen, dass das Leben lebendig ist. Ich lebendig bin - mit allem was da ist.

Einlassen ins Leben, in Vertrauen, dass es vielleicht einen größeren Plan gibt, den ich nicht kenne. Welcher das auch immer sein wird.


Ich ging an diesen Tagen oft mit der Angst spazieren. Begleitet von vielen verblühten Löwenzahnblüten. Die Samen des Löwenzahns flogen immer wieder wie kleine Fallschirmchen durch die Luft wenn ich daran blies. Und dann kam ein Gedanke, der mich tief von Innen mit Hoffnung und Zuversicht berührte

"Vielleicht sind alle Erfahrungen wie diese Fallschirmchen, die ihre Zeit brauchen um wieder Neues wachsen lassen zu können."

Damit schicke ich Pusteblumenwunder in die Welt.


Herzlichst,

Isabell



 

Lesetipps:

- "Wunder warten gleich ums Eck" von Barbara Pachl-Eberhart

- "Rückkehr zur Liebe" von Marianne Williamson

- "Erzählende Affen" von Samira El Quassil & Friedemann Karig



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